99 Irrwege beim Schreiben von Romanen und nicht eine einzige verbindliche Regel. Ein Gespräch mit Schreibcoach Andreas Schuster über Show don’t tell und andere Schreibregeln, die ihr Versprechen nicht halten.
Beim Schreiben gibt es keine Gesetze. Es gibt Konventionen, Vorlieben, Strömungen, aber keine Regel, die ohne Kontext für jedes Buch gilt. Wenn mir jemand sagt „so macht man das und nicht anders“, werde ich misstrauisch. Auch im Buchmarketing. Genau deshalb wollte ich mit Andreas Schuster darüber sprechen.
Andreas ist Schreibcoach in Hamburg. Sein Buch dreht die Schreibratgeber-Logik um: Es zeigt 99 Irrwege. Keine Regeln.
Das ist mehr als ein cleverer Kunstgriff. Eine Regel zwingt dich auf eine Linie. Ein Buch über Irrwege zeigt dir die Abzweigungen und überlässt dir, welche du nimmst.
Hier sind die Stellen aus unserem Gespräch, an denen ich mir die meisten Notizen gemacht habe.
Schreibregeln, die keiner findet
Trotzdem suchen viele danach. Nach dem einen Buch, das es endlich auf den Punkt bringt. Es gibt regalmeterweise Schreibratgeber und wenn du genauer hinschaust, widersprechen sie sich gegenseitig. Andreas hat eine Beobachtung gemacht, die ich richtig finde: Jeder Mensch ist anders, jedes Buch ist anders. Aber es gibt Muster, die immer wiederkehren.
Wir haben das im Gespräch mit dem Bild einer Straße mit Abzweigungen beschrieben: Es gibt einen goldenen Mittelweg, und es gibt zwei Extreme an den Rändern. Beim Thema Adjektive zum Beispiel: Die einen sagen, du sollst sie einsetzen, weil das Beschreibungen lebendig macht. Die anderen sagen, lass sie alle weg, jedes Adjektiv ist Schwäche. Beides ist Unsinn, wenn man es konsequent macht. Beides kann stimmen, wenn man’s bewusst tut.
Genau dieses Bewusstsein ist der eigentliche Punkt.
Stilfragen sind Stimmigkeitsfragen
Es gibt einen Satz, der jedes Gespräch über Schreibstil abrupt beenden kann: „Das ist halt mein Stil.“
Ich habe Andreas gefragt, wie er damit umgeht. Seine Antwort hat mir gefallen, weil sie das Argument elegant dreht: Beim Schreiben geht es eigentlich um eine andere Frage als „guter oder schlechter Stil“. Es geht um Stimmigkeit.
Passt der Stil zur Figur, zum Genre, zum Zweck deines Buchs?
Ein Beispiel von Andreas: Wenn deine Figur Professorin für Literaturwissenschaft ist und kurze, vulgäre Sätze ausspuckt, denkt die Lesende: Moment, hier stimmt etwas nicht.
Und andersrum, wenn dein Drogendealer plötzlich verschachtelt formuliert wie Thomas Mann, denkt sie genauso, dass hier etwas nicht stimmt.
Eine bessere Frage als „ist mein Stil gut?“ wäre also: „Trägt mein Stil das, was ich erzählen will?“
Das verschiebt die ganze Debatte. Weg von der defensiven Position („mein Stil ist halt so“), hin zu einer offenen Frage („was will ich eigentlich erzählen, und passt mein Stil dazu?“). Letzteres ist eine Frage, mit der man weiterarbeiten kann.
Show, don’t tell – das überstrapazierteste Mantra der Schreibwelt
Wenn ich einen Schreibratgeber in die Hand nehme, kann ich mittlerweile darauf wetten, dass „Show, don’t tell“ irgendwo dick gedruckt steht. Inklusive Ausrufezeichen.
Andreas hat im Buch eine wohltuend differenzierte Sicht darauf. Sinngemäß: Ja, der Spruch hat einen wahren Kern. Ja, man soll Erfahrung erlebbar machen, statt sie zu behaupten. Aber die Regel wird so oft missverstanden, dass sie mehr Schaden als Nutzen anrichtet.
Wenn du ein Buch komplett nach „Show, don’t tell“ schreibst, bekommst du einen Wälzer, den keiner zu Ende liest. Erzählen ist auch ein legitimes Werkzeug. Was du eigentlich vermeiden willst, ist die Doppelung: erst zeigen, dann das Gezeigte nochmal in Worte fassen, falls es jemand verpasst hat. „Er schlug die Tür zu und stampfte auf. Er war wütend.“ Ja, danke. Das hatte ich vermutet.
Es geht also um bewusste Entscheidungen. Dogmen helfen hier nicht.
Wie man eine Rohfassung nicht schreibt
An einer Stelle habe ich aus eigener Erfahrung erzählt, weil das einer meiner ganz persönlichen Irrwege war. Jahrelang.
Ich habe geschrieben, abends gespeichert, am nächsten Tag erstmal das von gestern nochmal gelesen. Dann ein bisschen umformuliert. Dann nochmal die Stelle davor angeschaut. Dann weitergeschrieben. Am nächsten Tag wieder zurück. Vor, zurück, vor, zurück.
Da kommt man nicht weit. Man kommt nur weiter und weiter rein in die ersten Kapitel.
Der Aha-Moment kam, als mir jemand gesagt hat: Schreib einfach durch. Überarbeiten kannst du immer noch. Das war ein echter Game Changer.
Andreas relativiert das im Gespräch und das fand ich wichtig. Er kennt auch Autor:innen, für die der schrittweise Weg funktioniert. Die ein Kapitel polieren, bis sie zum nächsten können. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Aber er sagt auch ehrlich: Wenn du zwei Jahre an den ersten fünf Kapiteln sitzt, ist die Gefahr groß, dass das Buch nie fertig wird. Weil das Leben dazwischen kommt. Wie immer.
Hier wieder das Muster: keine Regel, aber eine Stelle, an der man bewusst entscheiden sollte, was man gerade braucht.
Lesen ist passiv Schreiben
Es gibt etwas worüber wir uns beide wundern: Menschen, die ein Buch schreiben wollen, das ein Bestseller wird, aber selbst nie lesen.
Andreas nennt das den Fluch unserer Zeit. Ich finde, das trifft es. Ohne Lesen geht es nicht. Du kannst kein Gefühl für Stimme, Rhythmus, Wirkung entwickeln, wenn du keine fremden Texte liest. Punkt.
Aber auch hier wieder die Differenzierung: „Lesen“ ist mehr als ein Buch in der Hand halten. Hörbuch geht auch. Und es gibt eine Phase im Schreiben, da hilft Lesen sogar mehr als analytisches Nachdenken, weil es ins Unterbewusstsein einsickert.
Lesen ist nicht prokrastinieren. Lesen ist passiv Schreiben.
Vom Schreiben zum Marketing und warum das zusammengehört
Gegen Ende der Folge sind wir an einer Stelle gelandet, die mich nicht überrascht, aber gefreut hat: Andreas hat das Thema Marketing von selbst angesprochen.
Er sagt: Es gibt drei Säulen, wenn man als Autor:in von anderen gelesen werden will. Schreiben. Mindset. Marketing. Und diese drei sind keine getrennten Bereiche. Sie hängen zusammen. Wenn das Schreiben nicht stimmig zur Zielgruppe ist, hilft auch das beste Marketing nicht. Wenn das Mindset blockiert, kommt das Marketing gar nicht erst zustande.
Und genau hier kommt etwas, das ich in fast jedem Coaching-Gespräch erlebe und das Andreas bestätigt: Viele Autor:innen kommen mit Schreiben und Mindset noch klar. Aber Marketing? Das wird in irgendeine Schublade geschoben, die danach nie mehr aufgeht.
Es wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Ich mag kein Marketing. Deswegen mache ich auch kein ordentliches. Und deswegen funktioniert es auch nicht. Und deswegen mag ich es noch weniger.
Andreas sagt dazu einen klugen Satz: Das Problem ist oft, dass Marketing mit Social-Media-Marketing gleichgesetzt wird. Ein Kurzschluss. Man zwingt sich halbherzig zu Dingen, die einem nicht liegen, macht eine schlechte Erfahrung, und der Kreis schließt sich.
Marketing zu vermeiden, ist nie eine Lösung. Einen Weg zu finden, der zu dir passt, schon. Wofür stehst du? Was kannst du gut? Worauf hast du Bock? Worauf nicht? Wo ist die Schnittmenge?
Aus dieser Schnittmenge entsteht ein Buchmarketing, das nicht falsch klingt.
Der Verlag als heiliger Gral?
Einen letzten Punkt aus der Folge will ich noch erwähnen, weil er für gerade für angehende Autor:innen, aber auch Verlagsautor:innen wichtig ist.
Andreas beschreibt eine Falle, in die viele Schreibende tappen: Der Verlag wird so überhöht, so mit dem heiligen Gral gleichgesetzt, dass alles andere unwichtig erscheint. Hauptsache Verlag. Danach wird alles gut.
Das stimmt aber nicht. Verlag ist nicht gleich Verlag. Und auch Verlagsautor:innen müssen Buchmarketing machen, wenn ihr Buch nicht nach drei Monaten in der Verramschungs-Box landen soll. Sonst werden sie nämlich beim zweiten Buch nicht mehr genommen.
Andreas‘ Ratschlag dazu fand ich entlastend: Konzentrier dich auf das, was du gestalten kannst. Es gibt Dinge, die kannst du nicht beeinflussen. Mit denen zu hadern, macht nur schlechte Laune. Aber es gibt eine Menge Bereiche, die du selbst in der Hand hast. Genau da fängst du an.
Die ganze Folge hören
Die komplette Folge im Buchbubble-Podcast findest du hier:
Reinzuhören lohnt sich vor allem dann, wenn du gerade in einer dieser Phasen steckst: Du schreibst und kommst nicht voran. Du steckst in der Überarbeitung. Du fragst dich, ob dein Stil okay ist. Du planst dein erstes Buch und weißt nicht, wie früh du an Zielgruppe denken solltest. Oder du hast ein Buch fertig und schiebst das Marketing vor dir her.
Für all das liefert Andreas Denkanstöße, die einsortieren, ohne zu belehren.
Wenn du wissen willst, welcher Buchmarketing-Typ zu dir passt
Andreas und ich sind uns einig: Es gibt verschiedene Wege für Autor:innen, ihre Leser:innen zu erreichen. Der Trick ist, den zu finden, der zu dir passt.
Genau dafür gibt es bei uns das Buchmarketing-Typen-Quiz. In ein paar Minuten findest du heraus, welcher Buchmarketing-Typ du bist und auf welchem Weg du als Autor:in deine Leser:innen am besten erreichst, ohne dich zu verbiegen.
Über die Autorin
Hanna Hegermann ist Lektorin, Journalistin und berät Autor:innen zum Thema Buchmarketing.
Sie hostet den Buchbubble-Podcast, hat den Zeilenschlinger Podcast ins Leben gerufen und arbeitet mit Jessica Kaluza an der Buchbubble: Einem Ort für Autor:innen, die Leser:innen für ihr Buch finden wollen, ohne sich dabei zu verbiegen.
Mehr über Hanna persönlich: johanna-hegermann.de.
Über Andreas
Andreas Schuster ist Schreibtrainer und Autorencoach in Hamburg. Er arbeitet mit Romanautor:innen und Menschen, die autobiografisch schreiben, gibt Seminare und betreibt eine eigene Coaching-Praxis. Sein Buch Schreibkompass: 99 Irrwege auf deinem Buchabenteuer und wie du sie vermeidest. Der Schreibratgeber vom Autorencoach* ist bei BoD erschienen.
Mehr über Andreas auf seiner Website schreiben-und-leben.de. Das Buch gibt es bei Amazon, Thalia, im BoD-Buchshop und in jeder Buchhandlung.
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