Interaktiver Roman: Was ist das – und lohnt er sich für Selfpublisher
Du kennst das vielleicht noch aus der Kindheit: diese Gänsehaut-Bücher, bei denen du auf Seite 47 weitergelesen hast, wenn du den Keller betrittst, und auf Seite 83, wenn du lieber draußen bleibst. Entscheidungsbücher, Choose-Your-Own-Adventure. Das Konzept ist nicht neu. Aber im Erwachsenenroman, vor allem im Liebesroman, ist es bisher kaum angekommen.
Das könnte sich gerade ändern.
Autorin Doris R. Thomas veröffentlicht mit „Love by Choice“ einen vierhundert Seiten langen interaktiven Liebesroman, bei dem die Leserinnen selbst entscheiden, mit welchem Mann die Heldin am Ende zusammenkommt. Im BuchBubble Podcast haben wir darüber gesprochen, wie das Konzept entstanden ist und was Selfpublisher daraus mitnehmen können.
Die ganze Folge gibt’s hier zum Anhören. Darunter habe ich die wichtigsten Gedanken festgehalten.
Was ist ein interaktiver Roman überhaupt?
Ein interaktiver Roman gibt den Lesenden an bestimmten Stellen die Wahl: Wie geht die Geschichte weiter? Mit wem verbringt die Heldin die Nacht? Welches Date wird es? Die Leser:innen entscheiden, dann lesen sie an der entsprechenden Stelle weiter.
Das Ergebnis sind keine zwei komplett verschiedenen Bücher, sondern eine Geschichte mit mehreren Handlungssträngen, die sich an Entscheidungspunkten aufteilen und wieder zusammenführen. Bei „Love by Choice“ gibt es insgesamt zehn Entscheidungsmöglichkeiten, von denen jede Leserin pro Durchgang fünf erlebt. Überschaubar genug, um nicht den Überblick zu verlieren, aber viel genug, um das Buch gleich zweimal lesen zu wollen.
–> Hier kannst du den Roman von Doris übrigens signiert vorbestellen.
Was macht das Konzept für Self-Publisher interessant?
1. Wiederlese-Faktor
Ein Roman, den man zweimal liest, ist ein Roman, der zweimal empfohlen werden kann. Leserinnen, die beide Handlungsstränge erleben wollen, kommen zurück. Das ist organisches Marketing, das im Buch selbst steckt.
2. Gesprächsstoff
„Welchen Mann hast du gewählt?“ ist eine Frage, die Leserinnen in Communities, auf Booktok und in Rezensionen stellen können. Interaktive Romane laden zur Diskussion ein und Diskussionen erzeugen Sichtbarkeit.
3. Einzigartigkeit als Positionierung
Im Selfpublishing kämpft man um Aufmerksamkeit in überfüllten Genres. Ein interaktiver Liebesroman ist kein Standard-Produkt. Das allein kann schon ein Grund sein, warum jemand über das Buch schreibt, spricht oder es verschenkt.
4. Marketingpotenzial durch das Konzept selbst
Doris hat die Mechanik ihres Romans direkt ins Marketing übertragen: Videos, in denen Leserinnen abstimmen können, Vorbestellaktionen mit der Frage „Team Leander oder Team Jannik?“ das Konzept bringt seine eigenen Content-Ideen mit.
Was sind die Herausforderungen?
Planung ist aufwendiger
Man schreibt nicht einfach einen Roman und fügt danach Entscheidungspunkte ein. Die Verzweigungen müssen von Anfang an mitgedacht werden. Details, die nur in einem Handlungsstrang passieren, dürfen nicht im anderen auftauchen. Sonst entstehen Widersprüche, die im Lektorat aufwändig zu bereinigen sind.
Doris‘ Tipp: Erst die Hauptgeschichte schreiben, dann die Verzweigungen ergänzen. Das reduziert die Komplexität erheblich.
Das Lektorat wird komplexer
Zwei Handlungsstränge bedeuten erhöhten Lektoratsaufwand und eine Lektorin, die den Überblick über beide Stränge gleichzeitig behalten muss. Das kostet Zeit und Geld.
Nicht jedes Genre eignet sich gleich gut
Interaktive Entscheidungen funktionieren dort, wo Leser:innen eine emotionale Bindung an die Wahl haben. Liebesromane mit konkurrierenden Love Interests sind dafür fast ideal. Bei anderen Genres – etwa Krimis oder Thrillern – müsste man genauer überlegen, welche Entscheidungen wirklich Spannung erzeugen und nicht nur Verwirrung.
Die Länge muss stimmen
Ein interaktiver Roman unter 200 Seiten läuft Gefahr, sich dünn anzufühlen, weil viele Seiten auf die Verzweigungen entfallen und der Hauptstrang dadurch kürzer wirkt. Doris hat sich bewusst für einen langen Roman entschieden, damit jeder Handlungsstrang für sich funktioniert.
Lohnt es sich?
Das hängt davon ab, was man unter „lohnen“ versteht.
Als reines Verkaufsargument ist ein interaktiver Roman kein Selbstläufer. Mehr Aufwand in der Produktion bedeutet höhere Kosten und mehr Risiko. Und Leserinnen, die das Konzept nicht kennen, müssen erst überzeugt werden, es auszuprobieren.
Als Positionierungsstrategie ist es dagegen sehr interessant. Besonders für Selfpublisher, die in einem gesättigten Genre sichtbar werden wollen und bereit sind, das Konzept konsequent ins Marketing einzubauen.
Die ehrliche Einschätzung: Es ist kein Format für den ersten Roman. Aber für jemanden, der schon veröffentlicht hat, eine Community aufgebaut hat und bereit ist, das Konzept wirklich durchzudenken, kann es ein echtes Alleinstellungsmerkmal sein.
Mehr dazu im Podcast
Im BuchBubble Podcast erzählt Doris R. Thomas ausführlich, wie „Love by Choice“ entstanden ist, wie sie den Roman vermarktet und warum sie sich getraut hat, die Deutsche Nationalbibliothek anzuschreiben.
→ Zur Folge: Seine Stimme im Marketing finden – mit Doris R. Thomas
Wenn du wissen willst, welcher Buchmarketing-Typ du bist
Doris hat ihren Weg gefunden – einen, der zu ihrer Persönlichkeit und ihrer Energie passt. Den einen richtigen Weg gibt es nicht. Aber es gibt deinen.
Das Buchmarketing-Typen-Quiz hilft dir herauszufinden, welcher Ansatz zu dir passt. In ein paar Minuten hast du eine Antwort:
→ Zum Buchmarketing-Typen-Quiz
Oder hör dir zuerst die ganze Episode an. Den Link findest du oben.
Über die Autorin
Hanna Hegermann ist Lektorin, Journalistin und berät Autor:innen zum Thema Buchmarketing.
Sie hostet den Buchbubble-Podcast, hat den Zeilenschlinger Podcast ins Leben gerufen und arbeitet mit Jessica Kaluza an der Buchbubble: Einem Ort für Autor:innen, die Leser:innen für ihr Buch finden wollen, ohne sich dabei zu verbiegen.
Mehr über Hanna persönlich: johanna-hegermann.de.
Über Doris R. Thomas
Doris R. Thomas schreibt turbulent-romantische Liebesromane – und vermarktet sie mit einer Energie, die TV Total auf den Plan gerufen hat und Penny Markt zu einer Kooperation bewogen hat. Mit „Love by Choice“ veröffentlicht sie den ersten interaktiven Liebesroman dieser Art im deutschsprachigen Raum: vierhundert Seiten, zwei Männer, und die Leserinnen entscheiden selbst.
Sie lebt als Autorin und ist auf Instagram und TikTok aktiv.
📷 @doris.r.thomas.autorin 🎵 @doris.r.thomas.autorin 📖 Love by Choice vorbestellen
