Luise Eggers über Multiple Sklerose und introvertiertes Buchmarketing
Schreiben und Veröffentlichen sind immer eine Herausforderung. Aber was passiert, wenn der Körper schlappmacht? Wenn eine chronische Erkrankung das Leben erschwert und an Träumen und Zielen rüttelt?
Autorin Luise Eggers weiß, wie sich das anfühlt. Vor vierzehn Jahren bekam sie die Diagnose: Multiple Sklerose. Im Buchbubble Podcast spricht sie das erste Mal öffentlich darüber.
Die ganze Folge gibt’s hier zum Anhören. Darunter habe ich die wichtigsten Gedanken festgehalten.
Wer ist Luise Eggers — und was hat es mit dem grauen Kaninchen auf sich?
Luise Eggers schreibt Liebesromane. Vier inzwischen, der jüngste heißt All the Little Masks*. Auf Instagram kennt man sie als @das_graue_kaninchen. Das ist kein ironischer Witz. Das ist ihr Markenzeichen.
Angefangen hat es mit einem echten grauen Kaninchen. Und irgendwann hat Luise begonnen, in jedem ihrer Bücher Kaninchen zu verstecken. Als Statue, als Bild, als Objekt. Wer ihre Romane liest, sucht und findet es.
Ich finde das einen der charmantesten Einfälle im Buchmarketing, die ich seit Langem gehört habe. Ein Wiedererkennungszeichen, das auf Zufall begann und zu einem Versprechen geworden ist: In jedem Buch ist es. Und das graue Kaninchen, das sich gerne versteckt, das ist auch ein bisschen Luise selbst.
Denn sie beschreibt sich so: introvertiert, eher schüchtern, lieber auf kleinen Messen untewegs als auf der Leipziger Buchmesse mit ihren Tausenden von Besuchern. Das graue Kaninchen, das sich einen Ruck gibt. Es ist eine ziemlich ehrliche Selbstbeschreibung.
Die Diagnose, die niemand kannte
Seit vierzehn Jahren weiß Luise Eggers von ihrer Multiplen Sklerose, doch fast niemand sonst wusste es.
Die Diagnose kam 2011, über Ostern. Sie hatte eine Sehnervenentzündung. War zum Arzt gegangen, dachte an Augentropfen. Blieb eine Woche in der Klinik. Wurde untersucht. Im September kam dann die eigentliche Diagnose.
„Das einzige Bild, das ich damals von Multipler Sklerose hatte, war: Rollstuhl.“
Das ist die Realität für viele: MS als Begriff ist bekannt, aber das Spektrum dahinter nicht. MS kann von bis gehen. Rollstuhl ist möglich, muss es aber nicht sein. Bei Luise äußert sich die Krankheit durch Missempfindungen in Händen, Füßen und manchmal im Gesicht. Durch Schübe, die kommen und gehen. Durch ein Nervensystem, das auf Stress reagiert und dem zuliebe sie ihren Lebensrhythmus auf eine Weise gestaltet hat, die sie nie geplant hatte.
Jahrelang hat sie das verdrängt. Hat die Diagnose irgendwie weggeschoben. Hat sie als etwas behandelt, das einfach da ist und mit dem man halt umgeht, ohne groß nachzudenken.
Dann kam ein Coaching, das speziell für MS-Patientinnen angeboten wurde. Und mit dem Coaching kam das Buch. Das eine, das sie immer weiter weggeschoben hatte, weil es bedeutet hätte, sich mit der Diagnose auseinanderzusetzen. Jetzt musste sie es schreiben.
Und in unserem Gespräch hat sie zum ersten Mal laut darüber gesprochen.
Schreiben als Verarbeitung: Own Voice im wörtlichen Sinn
All the Little Masks ist Luises vierter Roman. Die Protagonistin hat Multiple Sklerose. Ihr Leben ist bis dato durchgeplant. Und dann kommt die Diagnose und haut alles weg, weil die Krankheit ihr sagt: So perfekt kann es nicht mehr sein. Was machst du jetzt?
Luise hat beim Gespräch selbst gesagt, dass sie versucht hat, die Protagonistin nicht wie sich selbst zu gestalten. Es sei ihr nur teilweise gelungen.
„Sie hat alles, was sie an Gefühlen beschreibt über diese Krankheit, über die Angst … das ist eins zu eins von mir.“
Das ist Own Voice: eine Stimme, die schreibt, was sie wirklich kennt. Von innen heraus, nicht von außen beobachtet.
Das Ergebnis klingt nach dem, was ich beim Lesen von guten Büchern suche: nicht, dass mir etwas erklärt wird. Sondern dass ich etwas fühle, das ich vorher nicht gefühlt habe oder das ich kannte, aber noch nie so gesehen hatte.
Das Schöne an Luises Geschichte ist auch das, was das Buch letztendlich zum Thema hat. Es geht nicht primär um Multiple Sklerose. Es geht um die Frage: Was passiert, wenn dein perfekter Plan kaputt geht?
Das ist eine Frage, die weit mehr Menschen betrifft als nur jene mit einer MS-Diagnose.
Marketing mit begrenzter Energie: was wirklich funktioniert
Luise arbeitet als Autorin, Lektorin und Illustratorin. Sie zeichnet Comics für das Magazin Der Self-Publisher. Sie schreibt Bücher. Sie lektoriert für andere Autor:innen.
Und sie muss dabei auf ihren Energiehaushalt achten. Wirklich achten! Nicht im Sinne eines Wellness-Ratschlags, sondern weil ihr Körper das einfordert. Wenn sie sich überanstrengt, zeigt er es. Nervenschmerzen im Gesicht. Missempfindungen in den Händen. Signale, die sie inzwischen lesen kann.
Wie macht man da Buchmarketing?
Luise plant. Ausführlich. Ihren Content, ihre Posts, ihre Aufgaben.
„Ein Plan bringt Struktur. Das beruhigt das Nervensystem einfach. Und das ist bei MS auch total wichtig.“
Struktur ist eben nicht nur eine Strategie, um produktiver zu werden. Struktur ist Selbstpflege.
Wer in Phasen mit begrenzter Energie arbeitet — durch Krankheit, durch Erschöpfung, durch ADHS, durch irgendetwas, das den Alltag schwerer macht als für andere — der braucht ein System, das auch in schlechten Wochen läuft.
Das ist Buchmarketing mit begrenzter Energie. Das ist, ehrlich gesagt, auch das einzige Buchmarketing, das auf Dauer funktioniert.
Das graue Kaninchen traut sich was
Luise hat mich für den Podcast angefragt. Nicht ich sie.
Das erzähle ich nicht, um mich zu belobigen, sondern weil es etwas über Luise sagt: Dieses graue Kaninchen, das sich gerne versteckt, hat eine Anfrage gestellt. Hat gedacht: Was soll schon passieren? Mehr als ein Nein kann nicht kommen.
„Ich nehme mir jedes Jahr so ein bisschen was Mutiges vor.“
In diesem Jahr: eine Lesung. Auf einer kleinen Messe. Mit der Angst davor, dass niemand im Publikum sitzt. Aber wenn sie es nicht versucht, wird es garantiert nichts.
Das ist keine revolutionäre Erkenntnis. Das ist eigentlich das Banalste, was man sagen kann: Probier es aus.
Aber wenn man gleichzeitig introvertiert ist, mit einer chronischen Krankheit lebt und es eine feste Vorstellung gibt, wie Sichtbarkeit aussehen muss, dann ist diese Banalität gar nicht mehr so banal. Dann ist das Ausprobieren wirklich eine Leistung.
Was ich daran schön finde: Luise beschreibt keine Angst-loswerden-Geschichte. Sie sagt nicht, dass die Angst verschwindet. Sie sagt, dass sie es eben trotzdem macht.
Du bist nicht deine Diagnose
Am Ende unseres Gesprächs hat Luise etwas gesagt, das ich gerne als Schlusswort stehen lasse, weil es über ihr Buch, über MS und über das Schreiben hinausgeht.
„Du bist nicht deine Diagnose.“ Du bist nicht deine Verkaufszahlen. Du bist nicht die Follower-Zahl, die du noch nicht hast, oder der Verlagsvertrag, der noch nicht da ist, oder die Reichweite, die du dir wünschst.
Du bist die Person, die schreibst. Du bist was du schreibst. Und warum du es schreibst.
Wenn du wissen willst, welcher Buchmarketing-Typ du bist
Luise hat ihren Weg gefunden — einen, der zu ihrer Energie und ihrer Persönlichkeit passt. Den einen richtigen Weg gibt es nicht. Aber es gibt deinen.
Das Buchmarketing-Typen-Quiz hilft dir herauszufinden, welcher Ansatz zu dir passt. In ein paar Minuten hast du eine Antwort:
Oder hör dir zuerst die ganze Episode an. Den Link findest du oben.
Über die Autorin
Hanna Hegermann ist Lektorin, Journalistin und berät Autor:innen zum Thema Buchmarketing.
Sie hostet den Buchbubble-Podcast, hat den Zeilenschlinger Podcast ins Leben gerufen und arbeitet mit Jessica Kaluza an der Buchbubble: Einem Ort für Autor:innen, die Leser:innen für ihr Buch finden wollen, ohne sich dabei zu verbiegen.
Mehr über Hanna persönlich: johanna-hegermann.de.
Über
Luise Eggers
Luise Eggers schreibt Liebesromane mit echten Gefühlen und mit Kaninchen, die sich in jedem ihrer Bücher verstecken. Ihr vierter Roman „All the Little Masks“ erschien 2025 und ist der erste, in dem sie eigene Erfahrungen mit Multiple Sklerose verarbeitet hat, ohne das Buch zu einem Krankheitsbuch zu machen.
Sie lebt als Autorin, Lektorin und Illustratorin.
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