Deep Romance:
Wenn Liebesromane Trauma ernst nehmen

Manche Bücher liest man, um abzuschalten. Und manche, um etwas zu verstehen, das man bisher weggeschoben hat. Deep Romance geht tief rein, reißt mit und nimmt genau die Theman, die wir eigentlich vermeiden, in den Mittelpunkt.

Dark Romance ist nicht Deep Romance;
Hanna Buchmarketing und Jes Schön im Bild

Ehrlich gesagt: Ich kannte Deep Romance vorher nur als Begriff. So ein Wort, das man schon mal gehört hat, aber nie wirklich gefüllt. Erst im Gespräch mit Jes Schön ist mir klar geworden, was eigentlich dahintersteckt — und warum dieses Genre so schwer zu fassen ist. Nicht, weil es schwer zu erklären wäre. Sondern weil die meisten Leute es zwischen Dark Romance und kuscheliger Liebesgeschichte einsortieren wollen und dabei den eigentlichen Punkt verfehlen.

Wenn du gerade über den Begriff gestolpert bist und wissen willst, was das eigentlich für ein Genre ist, bist du hier richtig. Wenn du selbst schreibst und gerade darum ringst, wie du nischige Themen an Leser:innen bringst, ohne in die falsche Schublade zu rutschen: erst recht.

Die ganze Folge gibt’s hier zum Anhören. Darunter habe ich die wichtigsten Gedanken festgehalten.

Was ist Deep Romance? Eine Definition

Deep Romance ist ein Liebesroman mit Trauma im Zentrum. Anders gesagt: Bücher, in denen sich zwei Menschen näherkommen, aber die eigentliche Geschichte ist nicht die Liebe. Die eigentliche Geschichte ist das, was die Hauptfigur erlebt hat oder noch erlebt. Häusliche Gewalt. Missbrauch in der Kindheit. Schuldgefühle nach einem Todesfall. Eine OP, die schief gelaufen ist. Eine toxische Ehe.

Die Liebe steht nicht im Weg dieser Themen. Sie steht auch nicht über ihnen. Sie ist das Element, das Hoffnung in eine Geschichte trägt, die sonst zu schwer wäre.

Drei Merkmale machen Deep Romance aus:

  • Ein schweres Thema als Kern der Handlung — meist ein Trauma der weiblichen Hauptfigur, manchmal auch der männlichen.
  • Eine Liebesgeschichte als Hoffnungsfaden — nicht als Rettung, sondern als Möglichkeit, an sich selbst wieder zu glauben.
  • Eine ehrliche, ungeschönte Darstellung — ohne dabei voyeuristisch zu werden.

Jes hat das im Gespräch so gesagt: „Ungeschönt, aber nicht voyeuristisch.“

Deep Romance oder Dark Romance — der Unterschied

Beide Genres erzählen schwere Themen. Beide gehen unter die Haut. Aber sie tun das aus sehr (!) unterschiedlichen Gründen.

Dark Romance romantisiert oft das, was problematisch ist. Dominanz ohne Konsens. Übergriffigkeit, die als Leidenschaft inszeniert wird. Eine Figur, die die andere durch ihr Trauma hindurch „lenkt“. Das ist eine eigene Lese-Erfahrung, und es gibt Leute, die genau das wollen. Aber es ist ein anderes Genre.

Deep Romance zeigt schwere Themen, ohne sie schön zu machen. Eine toxische Beziehung ist im Buch eine toxische Beziehung. Sie wird benannt, nicht ästhetisiert. Die Hauptfigur findet einen Weg heraus, weil sie wieder anfängt, an sich selbst zu glauben. Nicht, weil ein anderer Mensch sie rettet.

Der wichtigste Marker dabei: Konsens und Augenhöhe. Was die Figuren miteinander erleben, geschieht auf gleicher Ebene. Auch wenn einer von beiden dominanter auftritt, wird die andere Person nicht zum Objekt.

Welche Themen verhandelt Deep Romance?

Aus Jes‘ bisher zwölf veröffentlichten Romanen kommen Themen wie:

  • Häusliche Gewalt und körperlicher Missbrauch
  • Sexueller Missbrauch in der Kindheit
  • Toxische Partnerschaften mit psychischer und physischer Gewalt
  • Schuldgefühle nach dem Tod eines nahen Menschen
  • Folgen einer fehlgeschlagenen Operation
  • Leben mit Sucht im familiären Umfeld

Diese Themen sind nicht Dekoration. Sie sind die Geschichte. Das heißt für dich als Leser:in: Bevor du loslegst, schau dir die Content Notes an. Jes und andere Autor:innen in dem Genre arbeiten sehr bewusst damit. Es beschreibt explizit, was im Buch passiert, damit du entscheiden kannst, ob du das gerade verkraftest.

Falls dich eines der Themen persönlich betrifft: weiter unten findest du eine Liste mit Hilfsangeboten. Schau dort vorbei, bevor du weiterliest oder ein Buch beginnst.

Warum solche Bücher wichtig sind

Es gibt Themen, über die wird in den meisten Leben nicht gesprochen. Die werden weggeschoben, weil sie zu schwer sind. Die landen unter dem Teppich, weil das soziale Umfeld nicht weiß, wie damit umzugehen ist. Häusliche Gewalt zum Beispiel. Oder Missbrauch in der eigenen Familie.

Jes hat im Gespräch einen Gedanken geäußert, der mich nicht mehr losgelassen hat:

„Du bist mit Menschen in Kontakt, die genau das vielleicht erleben. Plötzlich siehst du es. Da ist jemand mit blauen Flecken, immer wieder. Vorher hast du gedacht: Die ist schusselig, die stößt sich. Aber das ist es nicht.“

Bücher können das. Sie schärfen die Wahrnehmung für Dinge, die wir vorher übersehen haben. Sie machen vorstellbar, was außerhalb der eigenen Lebensrealität liegt. Und sie geben Betroffenen das Gefühl, mit ihrer Geschichte nicht allein zu sein.

Das ist nicht klein. Das ist eigentlich der Grund, warum dieses Genre überhaupt eine Daseinsberechtigung hat.

Wie vermarktet man Bücher mit schweren Themen?

Jetzt kommt der Teil, der mich als Buchmarketing-Beraterin besonders interessiert hat und der vermutlich auch dich interessiert, falls du selbst in einer Nische schreibst und keine Ahnung hast, wie du die Leute zu deinem Buch bringst.

Jes hat vier Dinge gelernt, die ich gerne weitergebe:

1. Gib dem Kind einen Namen

Solange du nicht weißt, was du eigentlich schreibst, weiß es niemand anderes. „Liebesroman“ reicht nicht, wenn deine Bücher schwerer sind als das, was die Leute unter dem Begriff erwarten. „Dark Romance“ passt nicht, wenn du gerade die Themen nicht romantisierst.

Als Jes irgendwann den Begriff Deep Romance gefunden hat, war das wie eine Tür, die aufgeht. Auf einmal hatte sie ein Wort, mit dem sie an Messen herangetreten ist. Auf einmal gab es einen Gesprächsanker. Auf einmal konnten Leute, die genau das suchen, danach suchen.

Mein Rat: Wenn du in einer Nische schreibst, in der du kein etabliertes Genre findest, schau dich um. Es gibt mehr Begriffe, als du denkst. Portalfantasy. Cosy Fantasy. Hopepunk. Slow Burn Romance. Oft ist der Begriff, den du brauchst, schon da. Du musst ihn nur finden.

2. Finde das Wort, das zieht

Auf der Stuttgarter Buchmesse hat Jes gemerkt: Das Wort „toxisch“ wirkt auf ihrem Cover wie ein Magnet. Leute bleiben stehen. Leute fragen nach. Leute kaufen.

Nicht jede Content Note wird so funktionieren. Manche sind zu schwer für eine Schaufläche. Aber wenn du eines deiner Themen in einem einzigen Wort einfangen kannst, das eine ganze Welt aufruft, dann hast du dein Hauptmarketingmittel gefunden.

3. Hör auf, alles erklären zu wollen

Wenn du einen Roman über Trauma geschrieben hast, willst du am liebsten zehn Sätze vorlesen, um den Leuten zu sagen, was drin steckt. Mach das nicht. Such dir das eine Wort, den einen Satz, das eine Bild. Der Rest ergibt sich im Gespräch.

Hooks sind kein Clickbait. Es geht nicht darum, reißerisch zu sein. Es geht darum, einen Aufhänger zu finden, an dem jemand stehen bleibt. „Such dir Hilfe, wenn du betroffen bist“ kann eine Hook sein. „Romance mit Taschentuchgarantie“ — Jes‘ eigene Erfindung, die sie auf Banderolen druckt — ist richtig griffig.

4. Cover ist alles … und nichts

Jes hat lange gerungen, weil bei Deep Romance jedes Cover die falsche Erwartung weckt. Zu düster: Dark Romance. Zu sonnig: Strandlektüre. Es gibt keinen offensichtlichen Look für dieses Genre, weil das Genre selbst zwischen den Stühlen sitzt.

Was ihr aktuelles Cover für „Mein für immer“ anders macht: Eine Villa im Hintergrund. Eine bröckelnde Treppe im Vordergrund. Wolken, die nach Gewitter aussehen. Das Cover erzählt das Buch, ohne es zu spoilern oder zu romantisieren. Und genau deshalb funktioniert es.

>>>>> Hier kannst du dir das Cover noch einmal ansehen*

Wenn du in einer Nische schreibst: investier in ein Cover, das deine Geschichte erzählt. Nicht eines, das aussieht wie alle anderen Bücher deines breiteren Genres.

Wenn du selbst in einer Nische schreibst

Du musst dich nicht in eine vorhandene Schublade pressen, um Leser:innen zu finden. Aber du musst dem, was du machst, einen Namen geben. Sonst geht es im Strom unter.

Frag dich:

  • Was ist das eine Wort, mit dem ich beschreibe, was ich schreibe?
  • Welches Genre ist mein Buch nicht?
  • Welches Detail aus meinen Büchern könnte ein Gesprächsanker sein?
  • Welche Leser:innen wären mein „für Fans von …“?

Der Weg in die Nische ist langsamer. Aber er ist tragfähiger, weil die Leute, die dich finden, auch bleiben. Sie suchen nicht den nächsten Bestseller. Sie suchen genau das, was du schreibst.

Hilfe finden. Wenn dich die Themen aus der Folge betreffen

Wenn dich die Themen aus dieser Folge persönlich betreffen — oder jemand, den du kennst:

  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016 — kostenlos, rund um die Uhr, in 18 Sprachen. hilfetelefon.de
  • Weisser Ring Opfer-Telefon: 116 006 — kostenlos, täglich 7–22 Uhr. weisser-ring.de
  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123 — kostenlos, rund um die Uhr. telefonseelsorge.de
  • Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 — kostenlos, Mo/Mi/Fr 9–14 Uhr und Di/Do 15–20 Uhr. hilfe-portal-missbrauch.de

Du musst das nicht allein durchstehen. Und es gibt Menschen, die zuhören.

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Weitere Informationen

Danke fürs Lesen.

Hanna Buchmarketing (Marketing & Lektorat): „Ich helfe Autor:innen, sichtbar zu werden

Über die Autorin

Hanna Hegermann ist Lektorin, Journalistin und berät Autor:innen zum Thema Buchmarketing.

Sie hostet den Buchbubble-Podcast, hat den Zeilenschlinger Podcast ins Leben gerufen und arbeitet mit Jessica Kaluza an der Buchbubble: Einem Ort für Autor:innen, die Leser:innen für ihr Buch finden wollen, ohne sich dabei zu verbiegen.

Mehr über Hanna persönlich: johanna-hegermann.de.

Über Jes Schön

Jes Schön schreibt seit mehreren Jahren Liebesromane im Bereich Deep Romance. Zwölf Bücher hat sie veröffentlicht, darunter Geschichten über häusliche Gewalt, Missbrauch in der Kindheit, Verlust und das Leben mit Trauma. Ihre Romane sind ungeschönt, aber nicht voyeuristisch — und sie tragen am Ende immer ein Stück Hoffnung mit sich.

Ihr aktuelles Buch „Mein für immer“ erzählt von einer Frau in einer toxischen Ehe und ihrem Weg da heraus. Es kommt mit ausführlichen Content Notes, weil Jes will, dass Leser:innen selbst entscheiden können, ob sie das Buch gerade verkraften.

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